Das ist wie Fahrradfahren


[ FMSO.DE - Fahren mit Salatöl (deutsch) ]


Geschrieben von waldi am 29. Dezember 2025 11:17:57:

Als Antwort auf: Und wie bist Du aus dem Baum gekomen ? geschrieben von Werner am 28. Dezember 2025 20:11:33:

Moin Werner,

also mit Plan oder gar irgendwelchen theoretischen Grundlagen hatte das Ganze jedenfalls in diesem Augenblick nichts zu tun, denn damals hatte ich keinerlei Ahnung. Gleitschirmfliegen ist vom Grundprinzip her ganz einfach.
Man hat zwei Steuerleinen, eine rechts, die andere links. Zieht/bremst man rechts, fliegt man auch nach rechts. Zieht man an der linken Leine, fliegt man eben nach links. Dass man das mit Gewichtsverlagerung noch viel gefühlvoller gestalten kann, lasse ich jetzt mal außen vor, auch weil es in vielen anspruchslosen Normalsituationen nicht relevant ist. Das Problem ist wie bei jedem Segelflieger. Wenn man keine Thermik hat, gibt es nur eine Grundrichtung und die ist nach unten. Mal Gasgeben und Nase hoch, wie beim Motorflug is' nich'.

Das war mein wirklich 2. Mal, dass meine Füße die Bodenhaftung verloren hatten.
Es war auf einer Übungswiese bzw. ein solcher Hang. Nicht wirklich hoch, vielleicht 50, maximal 70 Meter bis runter zum Wiesengrund. Dort unten standen 3 Fichten, ziemlich dicht beisammen. Sozusagen ein Koniferenclustergrinsi.
Rundherum eeeewig Platz, nix was irgendwie stören könnte.
Der Fluglehrer sagte, pass auf dass 'd die Baam do ned triffst. Worauf ich nur meinte, bei so viel Auslauf nebendran wird mir das nicht gelingen.
Nach abermals wieviel Starts, wo ich mich auf die Schnauze gelegt habe, ohne abzuheben habe ich es dann schließlich doch geschafft und bin geflogen. Vielleicht 100 m, als ich den Fluglehrer rufen hörte: "Rechts! Rechts!"
Alleine es wollte mir nicht gelingen. Ich fixierte Bäume und diese kamen unweigerlich auf mich zu. Es war wie wenn man mit dem Fahrrad versucht dem Stein auf dem Weg auszuweichen.
Im letzten Moment hat zumindest die Analyse der Situation, der ich anscheinend nicht entkommen konnte, eingesetzt. Es waren drei Bäume, die ungefähr 1 1/2 Armlängen auseinander standen. Da das mit dem Steuern so eine Sache war, und vorbeifliegen anscheinend nicht möglich, entschied ich mich, einen der dreien frontal zu treffen da es vielleicht 2 Meter unterm Wipfel war rechnete ich mir gute Chancen aus, dass es nicht gar zu hart wird, denn der Baum sollte wohl den knapp 80 kg ein Stück weit nachgeben. Also Füße nach vorne und zusehen, dass ich den Stamm genau treffe. An ein zwischendurch Fliegen habe ich tatsächlich auch gedacht, und das hätte ich wohl auch hingekriegt, zumindest in der Form, dass ich an den Spitzen vorbeigeschrammt wäre. Aber das wollte ich vermeiden, denn ich fürchtete, dass sich der Schirm dann dermaßen in den Bäumen verfängt, dass man ihn ohne fremde und vielleicht teure Hilfe nicht mehr raus bekommt.
Man kann eine Fichte sehr wohl besteigen, aber so weit oben wird die Sache maximal elastisch und ich konnte mir nicht vorstellen, wie man da für die ganzen Leinen wieder rausfieselt.
Also Stamm treffen, aufs Glück hoffen, nicht gleich abzuschmieren und weiterhin hoffen, dass der Schirm hinter mir zusammenfällt. Und so war es dann auch.
Ich habe wohl 2 bis drei Watschen von den Ästen eingesteckt, und wie ich da runtergekommen bin, weiß ich gar nicht. Es war noch nicht mal so schlimm. Ich schätze ich bin rücklings runtergefallen, aber da ich ja im Gurtzeug saß und dieses nach hinten einen guten Schutz bietet, habe ich davon gar nicht so viel einstecken müssen.
Der Schirm kam zwar noch ein Stück weiter nach vorn, aber meine Rechnung ging zumindest in der Hinsicht auf, dass er einerseits nicht über die Bäume hinausgeschossen ist und andererseits sich nicht von oben auf sie gelegt hat.
Er ist lediglich gegen die Bäume gestoßen, sodass man mit etwas Aufwand und Vorsicht ihn runterziehen konnte.
Kaputt gegangen ist nichts.
Aber diese Szene, wo die Bäume unausweichlich auf mich zukommen, vergesse ich nie. Genausowenig, wie ich den Moment vergesse, als ich das erste Mal vom Boden abhob. Ich habe vorher mal in einem Segelflieger gesessen, aber das ist was ganz anderes. Da ist noch viel zu viel Maschine zwischen mir und dem "Nichts".

Viele Grüße

Waldemar, der jetzt Holzhacken geht.

Wie lesenswert findest Du diesen Beitrag?                 Info zur Bewertung




Antworten:


[ FMSO.DE - Fahren mit Salatöl (deutsch) ]