Ja, davon wurde mir schon erzählt


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Geschrieben von Werner am 28. April 2026 23:14:00:

Als Antwort auf: Re: Trägt man eigentlich nen Fallschirm, bei sowas? Beim Segelflieger ja ! geschrieben von Achim Junk am 28. April 2026 19:20:24:

Ich habe auf dem Flugplatz in der Eifel jemanden kennen gelernt, der gerade die Ausbildung bei der BW machte. So, wie ich das verstanden habe, hatten die zwischen zwei Punkten aufgespanntes Seil, an dem man runterrutsche (?) und sprangen eingehängt mit Karabiner, um erstmal nur den Absprung richtig drinne zu haben. Das mit dem eintausend zweitausend hat der auch erzählt, aber zu dem Zeitpunkt, wo ich mit ihm gesprochen habe, hatte er noch keinen Absprung aus dem Flugzeug gemacht.

Wir hatten damals einen Fluglehrer, der im Berufsleben Sportlehrer und entsprechend auch sehr fit war. Kein Gramm zuviel am Leib, drahtig, mittelgroß, die ideale Vorraussetzung zum Segelfliegen. Dieser hat erzählt, dass er mit einem Hochleistungssegler in 4000m Höhe von einer Welle in eine andere wechseln wollte. Thermische Aufwinde gibt es in diesen Höhen nicht mehr, jedenfalls nicht in unseren Breiten, aber Wellenaufwinde können je nach Windrichtung auch hier in Deutschland schon mal auftreten und solche Höhen ermöglichen.

Er ist also losgestocht, hat das Flugzeug kräftig angedrückt, um möglichst schnell durch das Gebiet des starken Sinkens durchzueilen, und auf den nächsten Wellenkamm zu kommen. Die Segelflugzeuge haben zwei max. Geschwindigkeiten, eine für ruhiges Wetter und eine für böiges. Das ist natürlich alles sehr subjektiv, wann ist das Wetter noch richtig ruhig, wann sind das Böen, aber so ist das eben gängige Praxis bei den Segelflugzeugherstellern. Die Luft war ruhig, er hat also das zweite Limit ausgereizt und ist dabei in eine Böenwalze geraten. Das Flugzeug hat sich geschüttelt und er fand sich im Trudeln wieder. Schreck lass nach, hat er gesagt, also Trudeln ausleiten, 1. Versuch, fehl geschlagen, 2. Versuch, fehl geschlagen, 3. Versuch wieder nix. Dann hat er mal richtig zur Seite rausgeschaut und gesehen, dass ihm ein Stück Flügel fehlt samt dem zugehörigen Ruder. Mal erst hat er das gar nicht geglaubt, dann aber begriffen, dass für ihn im Flugzeug nichts mehr zu tun war und hat entschieden auszusteigen. Haubennotgriff gezogen, Haube fort gestoßen, sich abgeschnallt und versucht, aufzustehen, was aufgrund der starken Drehbewegung gar nicht einfach war, selbst für den Sportlehrer. Er hat sich dann über die Bordwand kippen lassen, ist mit dem Fuß noch irgendwo gegen geschlagen (vermutlich gegen die Tragfläche) und dann hat er noch geschaut, dass er von dem drehenden Flugzeug weit genug weg kam. Das Flugzeug ist ohne Pilot ins Flachtrudeln über gegangen und hat ihn nicht eingeholt, aber wenn man den Schirm unter einem trudelnden Flugzeug zieht und der Brummkreisel holt einen ein und frißt den Schirm, dann hätte man auch drin sitzen bleiben können.

Kurzum, als er rauskippte, zeigte der Höhenmesser noch 1200m - von ehemals 4000, und als er den Schirm ausgelöst hat, schätzte er seine Höhe noch auf ca. 700 m. Der Wind trieb ihn vor sich her und die Landung war alles andere als sanft, Fuß war gebrochen, wobei nicht klar war, ob das schon beim Aussteigen passiert war oder erst unten. Handys gab es noch nicht, funken ging nicht mehr. Das Flugzeug schlug weiter entfernt auf, aber er konnte zu einer Straße hinken.

Wir lauschten gebannt den Ausführungen. Und dann sagte er sehr eindringlich: Leute, ihr seid Schüler und fliegt hier in Höhen von ein paar hunder Metern rum. Denkt bitte niemals "ich hab ja noch den Fallschirm" Ihr seid unten, ehe ihr euch losgeschnallt habt.

Dann haben wir das Aussteigen trainiert. War ein großer Spaß, wer schafft es am schnellsten. Das Flugzeug wurde von einem Helfer am Flügel gerade gehalten, lag also nicht auf der Seite, dann wurde die Haube ausgelöst, die sofort von zwei Helfern angenommen und einen Meter weit weggetragen wurde. Dann losschnallen und einfach nur raus, egal wie.

Der Beste schaffte es in 20 Sekunden, hatte dann aber freilich noch nicht den Schirm geöffnet, sondern fiel in der Simulation erstmal nur nach unten. Bei den Versuchen sind dann auch Sachen passiert, wo alle gelacht haben, die aber nicht witzig waren. Wenn man normalerweise aus dem Flieger steigt, bleibt der Fallschirm im Flugzeug, denn er gehört zum Flugzeug. Die Vereinskollegen haben privat keine solchen Fallschirme. Es gibt aber noch andere Gründe: der Schirm sollte unter keinen Umständen ins Gras abgelegt werden, weil die Feuchtigkeit ihm schaden könnte - Verklebung des dicht gepackten Schirmstoffes. Dazu fällt auch das Aufstehen besonders nach langem Flug etwas leichter, wenn man den Fallschirm nicht mit hochwuchten muß. Er ist zwar nicht wirklich schwer, aber so knappe zehn Kilo kommen da schon zusammen.

Was macht man also, man schnallt sich los, schnallt immer noch sitzend auch den Fallschirm ab. Ja und was denkt Ihr, was einigen Übenden passiert ist? Sie haben sich blitzartig losgeschnallt von beidem (!) und sind auf dem Flugzeug gehechtet, um dann festzustellen, dass sie den Fallschirm gar nicht mehr auf dem Buckel haben. Am Boden lustig, aber ich würde nicht garantieren wollen, dass es auch im Notfall in der Luft passieren könnte.

Jedenfalls ist das alles nicht so einfach. Wer es im Militär gelernt und im Körpergedächtnis abgespeichert hat, kommt mit solchen Situationen viel besser klar. Aber der Laie, der eben noch dachte, er macht einen schönen Flug . . . neee, wir sind alle nur Menschen.

Gruß

Werner

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