Apropos Gasdosierung
Geschrieben von Werner am 26. Mai 2026 13:42:33:
Als Antwort auf: Re: Nein, der Hut kann drauf bleiben geschrieben von AudiJörg am 26. Mai 2026 12:27:36:
Im Gaswerk des RWEs wurde damals flüssiges Erdgas gelagert. Aufgrund der niedrigen Lagertemperatur von -163 °C löst sich der Stickstoff, der im einzuspeichernden Gas ist, unvermeidlich mit im Tank - allerdings nur ein Teil davon.
Während der Einlagerung wurden alle Reste, die nicht verflüssigt werden konnten, wieder ins Netz gegegben, u.a. auch ein großer Teil Stickstoff, der aber sich im Netz gut verteilt hat und nicht zu Störungen geführt hat. Die Heizwertminderung wurde von mehreren Meßstellen im Netz erfaßt und für die Kunden entsprechend mit Boni belegt.
Soweit, so schön, aber wenn aus dem Lager zur Netzstützung ausgesendet wurde, dann ging richtig Menge und das frisch verdampfte Methan war an Stickstoff so starkt verarmt, dass es so nicht ins Netz durfte. Die damaligen Gasgeräte hätten sonst zu viel Heizwert gekriegt und dafür dann zu wenig Luft. Das ist heute bei den modernen Dingern anders, die regeln das selbst.
Also wurde tiefkalter Stickstoff mit vorgehalten, der mit dem flüssigen Erdgas vermischt wieder den richtigen Heizwert ergab. Tolle Sache, aber das Gerät zur Ermittlung des Heizwertes hatte Totzeiten, wie man sich denken kann. Es lief auch nicht kontinuierlich, sondern nahm getaktet Proben zur Bestimmung.
Super, und damit regeln ? Also Pumpen fahren los ins Netz, nach einer Weile zeigt das Gerät "Heizwert zu hoch" und startet die Stickstoffpumpen, die in den gleichen Verdampfer speisten. Wie schnell ? Natürlich mit allem, was geht. Ergebnis: ein fetter Stickstoffpfropfen, der im benachbarten Glaswerk die Brenner auspustet. RWE mußte denen schon ganze Chargen Glasprodukter bezahlen, die verdorben waren. Mannmann, hatten die vorher Ärger damit gehabt.
Also wurde von Hand dosiert, erstmal ein bißchen Gas, dann ein bißchen Stickstoff drauf - so nach Erfahrung. Dann auf die Messung warten, dann wieder ein bißchen mehr - zwischendurch hört das Telefon der Netzzentrale nicht mehr auf zu klinglen "Wann speist ihr endlich ein? Wir haben kaum noch Druck im Netz!"
Ursprünglich hatte ein kluger Kopf sogar mal vorgesehen, dass der Speicher bei abfallendem Netzdruck von selbst ausspeichert. Aber das konnten die Dispatcher dem kühnen Planer gottseidank ausreden. Deshalb ging das per Telefon "wir brauchen 60.000 Normkubik die Stunde für drei Stunden" o.ä.
Hätte das Gas noch odoriert werden sollen, dann wäre es ganz vorbei gewesen.
Also was tun - und hier kommt der Planer von Gottes Gnaden ins Spiel
. Ich habe etwas länger überlegt und eine Verhältnisregelung eingebaut. Simultan mit den Erdgaspumpen fuhren die Stickstoffpumpen los mit einem voreingestellten Mengenverhältnis. Die Hauptmengenregelung hat den ausgesendeten Gasstrom geregelt und die Heizwertregelung hat nur das Verhältnis zwischen Gasstrom und Stickstoffmenge geregelt. Damit "gingen" die Stickstoffpumpen bei Mengenänderungen sofort mit, und es kam nicht mehr zu solchen gravierenden Abweichungen.
Da die Steuerungsleute auf meiner Seite schon gar nicht mehr mit mir geredet haben, habe ich den Funktionsplan dafür gemacht und dem Siemens-Programmierer vorgelegt. Der hat nur kurz geschaut und hat gesagt: "Mach ich !"
Später, als die Kiste mal in kalter Nacht ausspeichern mußte, rief mich abends um kurz vor zwölf ein Schichtmitarbeiter an. Im besten sächsisch "Du, Wörner, ´ch soch mal sö, ich fahr die Ausspaascherung ganz alleene "
Das war eine gute Nachricht zur Nacht. Die hatten vorher zu dritt in der Nachtschicht gesessen, der Sattel des Anlagenfahrrades wurde kaum kalt, so mußten die immer flitzen, wenn wieder was war.
Es ist doch immer schön, wenn die Physik am Schluß auch genau so funktioniert, wie es ihre Bestimmung ist. Das bringt einem den Glauben zurück.
Gruß
Werner