Aus Fehlern lernen ? Guter Witz !


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Geschrieben von Werner am 13. Februar 2026 11:47:09:

Als Antwort auf: Re: Ob das ein WK2-Trauma ist? geschrieben von Uli S. am 13. Februar 2026 00:38:10:

Moin Uli,

ich zitiere "aber in der Industrie kenne ich es nur so, daß individuelles Fehlverhalkten zwar disziplinarisch sanktioniert wird, aber fachliche Irrtümer ganz pragmatisch analysiert werden, um sie für die Zukunft auszuschließen ("Lessons learned"), und zwar ohne einen Schuldigen zu suchen."

Ooooh, das kenne ich aber auch gaaaanz anders. Besonders das letzte "ohne einen Schuldigen zu suchen". Ja, solche Betriebe gibt es und die stehen nicht in der Zeitung, sondern machen ihr Ding und haben am Ende des Jahres auch noch Weihnachtsgeld erwirtschaftet. Aber ich kenne solche Fehlerdiskussionen auch ganz anders. Der Projektleiter oder Abteilungsleiter sagt: "Wir wollen ja daraus lernen" und damit ist dann schon klar, was passiert: es wird ein Schuldiger gesucht und gefunden, dieser muß dann ein Sünderbekenntnis abgeben, ob er es nun war oder nicht. Wenn der dann lange genug gezappelt hat, findet die Gemeinschaft eine Lösung darin, dass der böse Kunde mal wieder Schuld ist. Und dann geht das Gebrassel irgendwie weiter.

Aus technischen Fehlern lernen ? Guter Witz, gerade in etwas größeren Industriebetrieben wird derart viel Sch.. gebaut und immer wieder und immer mit dem Argument "haben wir schon immer so gemacht". Da traut sich keiner was, er könnte es ja Schuld sein, dass es noch schlimmer wird.

Ich habe in meinem letzten Arbeitszeugnis - was lange her ist - stehen: "Herr Schulte hinterdenkt Probleme und ist innovativ." Klingt gut, wird aber nicht von allen so gesehen. Ein Störenfried in unseren Reihen? Nein, können wir nicht gebrauchen. Der soll seine Arbeit machen.

Als die ersten brauchbaren FUs von Siemens auf den Markt kamen, habe ich für eine Drehzahlsteuerung plädiert, weil die Kälteanlage, um die es ging, stufenlos von 100& auf 0% regelbar sein sollte. Sie durfte dabei nicht im Taktbetrieb laufen, es gab keinerlei Puffer, sondern sie mußte auch bei 2% Leistung noch genau Strich fahren, um ein Prozeßgas auf eine ganz bestimmte Temperatur zu bringen.

Alle waren dagegen. Drehzahlsteuerung, um Gottes Willen, der Motor braucht dann eine Fremdkühlung, wenn er zu langsam dreht und und und . Auf meine Frage, was denn noch "und" kam keine Antwort. Also bin ich selbst losgezogen zum E-Motorenhersteller ("Herr Schulte, für solche Dinge haben wir eine Elektroabteilung") und habe mich schlauer gemacht. Der Hersteller hat mir alles super verständlich erklärt und der Sachbearbeiter meinte noch am Schluß, er habe Maschinenbau studiert und als er im Werk angefangen habe, sei es ihm genauso ergangen, wie mir.

Aber der Projektleiter, der sah die Chance, Geld zu sparen und ließ sich auf meine Idee ein. Damit konnten wir dem Kunden dann einen schnell laufenden Verdichter schmackhaft machen, den er im ersten Gang ablehnte, wegen der hohen Drehzahl. Wir begründeten den Vorschlag mit besserer Regelbarkeit und der Projektleiter spendierte eine Ersatzstufe für den Schraubenverdichter, was mich etwas überraschte. Nach der Besprechung meinte der Projektleiter zu mir, der nackte Verdichter kostete 7000 DM und das sei geschenkt gegenüber dem riesigen Aufwand, eine langsame größere Maschine mit all den Regelmechanismen und Schwierigkeiten zu liefern.

Der FU kostete seinerzeit 20.000 DM und war für 150kW gut. Der Antrieb hatte 90 kW. Ohne FU wäre ein Verdichter mit regelbarem Verdichtungsverhältnis zum Einsatz gekommen mit zustätzlicher Ölpumpe zum Verstellen des Leistungsschiebers, mit -zig Signalen, Endlagenschaltern und Taktsteuerungen. Das hätte alles zusammen mindestens 120.000 DM gekostet und die Probleme bei Inbetriebnahme und Regelgenauigkeit waren sattsam bekannt aus unzähligen Inbetriebnahmen.

Und so geschah es: der Siemens Mann kam, parametrierte den FU. Es gab sagenhafte vier (4) Einstellmöglichkeiten und die Maschine rannte los. Sie ist dann fünf (5) Jahre nicht abgestellt worden.

Erfolg ? Nein, absolut nicht. Alle waren froh, dass ich wieder was anderes mache und die Elektroabteilung nicht aus ihrem Schlaf reiße. Bis zur Firmenschließung ist so etwas nicht wieder gebaut worden.

Viel später war ich freiberuflich in einer Stadt an der Nordsee mit dem Umbau einer größeren Kälteanlage auf ein alternatives Kältemittel, weil die alten Kältemittel nicht mehr erlaubt waren.

Im Zuge der Umbauarbeiten durfte ich mir die dahinter geschaltete Anlage auch einmal anschauen und über Nacht hatte ich eine Idee entwickelt, wie man den größten Teil der Kälteanlage komplett einsparen könnte. Die Leute dort mochten mich, haben sogar gemeint, ich solle doch in den Norden ziehen, da seien die Häuser billig usw., aber der Projektleiter sagte klar zu mir: "Wenn Sie das weiter verfolgen, dann bitte nur privat!"

Er war selbst Verfahrensingenieur und hatte genügend Überblick, um selbst auf die Idee zu kommen, aber nun, wo mal alles so geplant war, wollte er den Schnitzer nicht haben. Da meine Idee sich dennoch verbreitete, wurden Kostenrechnungen für eine einelne Rohrleitung aufgestellt, die ins Utopische gingen. Diese Leitung wäre nämlich der Ersatz für einen großen Teil der Kälteanlage gewesen.

Der gute Mann hat inzwischen dort die Leitung der Planung, weil er sich aus Sicht der Standortleitung gut bewährt hat. Er hat dafür gesorgt, dass ich in diesem Werk nichts mehr machen kann.

Also Fehler werden erkannt und behoben ? Nein, ich habe ganz viele Beispiele, wor der Fehleraufzeiger an die Luft gesetzt wird, weil unbequem, und wo es danach einfach so weiter geht, wie bisher.

Mag sein, dass das bei Serienprodukten etwas anders gehandhabt wird, aber so ganz sicher bin ich mir dabei nicht.

Gruß

Werner

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