Re: Die Mitteldestillate in der Raffinerie


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Geschrieben von Werner am 08. Februar 2026 10:56:03:

Als Antwort auf: Re: Die Mitteldestillate in der Raffinerie geschrieben von laden am 06. Februar 2026 10:52:30:

Ja,

historisch bedingt ist das auch ein bißchen anders gewesen. Das sog. Iranien White Oil war früher DAS Erdöl überhaupt. Da waren fast keine langkettigen Paraffine drin und das ließ sich mit einfachem Equipment zu einem sehr hohen Prozentsatz zu Benzin verarbeiten. Die Quellen sind längst erschöpft, aber der Begriff geht noch durch die Reihen derer, die damit zu tun haben. "White Oil" hieß das, weil es schon mit extrem geringer Trübung aus dem Bohrloch kam. In dieser Zeit wurden sogar Fahrzeuge an den Bohrstätten damit betrieben, ohne was dran zu ändern. Dieser Umstand führt dazu, dass viele annehmen, man würde das heute auch noch so machen - was aber nicht stimmt. Die Fahrzeuge an und um die Bohrstellen herum werden heute nur mit allerfeinstem Diesel betrieben und sehr sorgfältig behandelt, weil in der Wüste wenig Mechaniker rumlaufen und Ausfälle sehr unangenehm sind.

Anderen Quellen wurden zum Teil verächtlich einfach abgelehnt. Zu meiner Zeit wurde z.B. "Russenöl" (keine politische Äußerung meinerseits) gekauft, was Erdöl war, aus dem das Benzin schon raus war. Das Öl war spottbillig, wurde hier mit Benzin versetzt und nochmal durch die Kolonnen gejagt. Ich erinnere mich an Zahlen von 20 Tonnen Benzinzusatz und 21 Tonnen Benzin im Ergebnis. Das hat sich damals gelohnt. Das schlechteste Öl überhaupt war und ist das Öl aus Venezuela, wo die Leichtsieder bereits alle abgedampft sind. Es gibt in der Gegend ja auch diesen riesigen Asphaltsee, wo noch bis in die 70er Jahre der Asphalt abgebaut und für Dächer und andere Zwecke exportiert wurde.

Diesel war seinerzeit für die LKW und diese waren längst nicht so viele, wie heute. Schwerlasten gingen alles auf die Bahn, die zwar auch Diesel verbrauchte, aber meist doch indirekt durch Kohle angetrieben wurde - über den Umweg Kohlekraftwerk - Strom - Elektrolok.

Also lag der Schwerpunkt eindeutig auf dem Benzin. Die Kolonnen arbeiteten damals noch längst nicht effektiv. Produkte, die nicht verkaufsfähig waren, wurden sogar in Deutschland einfach der Fackel übergeben. Das war für einen solchen Standort eher ein Lichtzeichen von Aktivität und wurde nicht als Verschwendung oder Umweltverschmutzung wahrgenommen.

Mit zunehmender Erschöpfung der Quellen war es nur logisch, dass PKWs auch mit Diesel fahren sollten. Ferdinand Piech hat das sehr sehr weise vorrausgesehen und hat die Entwicklung von Dieselfahrzeugen bei VW voran getrieben. Techniker bei VW und Audi haben damals gesagt, man könne die Motoren noch besser machen und optimieren, so wie später bei BMW - die zunächst mit Diesel nichts machen wollten. Aber Piech hat damals gesagt, es kämen andere auf den Plan und würden Konkurrenz machen und dann müßte VW bereits so weit sein, dass sie möglichst preiswert Massen produzieren.

Ich bin nicht genau informiert, das wissen die Pöler hier besser, aber ich meine gelesen zu haben, dass die Brennraumform der VW-Motoren hauptsächlich der preiswerten Herstellung geschuldet sei und nicht der thermodynamischen Optimierung.

Kurz gesagt, in den 70ern mußten die Raffinerien zunehmend mit schlechteren Ölen leben und dieser Umstand hat zu einer enormen technischen Anlagenentwicklung geführt. U.a. kam das Paraffinproblem auf und wurde in den bestehenden Anlagen zunächst noch durch längeres Destillieren behandelt. Möglicherweise und sogar wahrscheinlicherweise wurde auch über Kälteausfällung nachgedacht und sogar ausprobiert. Das kann ich nicht sagen, war damals noch zu klein und wollte Pilot oder Lokführer werden.

Im Studium war das sog. "De-Waxing" noch kein Thema gewesen. Die Lehrenden stammten halt noch aus einer anderen Zeit. Diesel war zu meiner Zeit noch nicht entschwefelt, es war nur schwefelarm, aber nicht sauber. Wir haben noch die Technik von Entschwefelungsanlagen gelernt, die heute nicht mehr existieren - weil zum Teil höllengefährlich durch austretendes H2S.

Das geht heute so elegant anders, dass man sich fast wundert "warum den nicht eher ?"

Tja, warum warum ? Das eine ist die Idee, das andere ist die Umsetzung. Und nicht jeder Manager, der auf dem Budget sitzt, hat auch die Gabe, zu sehen, ob eine Idee was taugt.

Das Wachsproblem betrifft ja nicht nur die Kunden. Auch in den Raffinieren selbst hat das schon zu ganz blöden Stillständen geführt, von denen das Personal überrascht wurde. Im großen Lagertank, wo die Suppe noch handwarm reinläuft, bleibt es auch im Winter ohne Isolierung alles noch warm genug, aber in den Transferleitungen ist der Stockpunkt dann sehr schnell erreicht und man mußte aufwändig die Leitungen von außen wieder anwärmen, damit man pumpen konnte. Und einfach mal so eben alle Leltungen zu isolieren und elektrisch oder mit Dampf begleitzuheizen, ist enorm teuer und zum Teil dann auch gar nicht richtig möglich gewesen bei bestehendem Equipment. Zum Teil hat man dann im Kreislauf gepumpt, immer aus dem noch warmen Tank in die Runde. Wenn der Tank aber gerade mal nur einen kleinen Füllstand hatte, hat man schon ängstlich auf die Wettervorhersage geschaut.

Erdöl ist ein Naturstoff, sozusagen Ururaltbio. Da gab es von Anfang an Überraschungen bei der Technik, und diese treten auch vereinzelt heute noch auf.

Gruß

Werner

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